7.4.26 Alltagspilgern. Schritt für Schritt auf der Via Francigena. Blog und Podcast auf Ostern hin

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Von Viterbo nach Vetralla

Von der heutigen Etappe erzähle ich eine längere Geschichte, die sich so zugetragen hat und die auf ihre Weise eine Ostergeschichte und ein Impuls ist.

Ich finde eine ausgeschilderte Alternativroute zur Cassia. Dadurch kann ich die ganze Etappe laufen und bin nicht auf den Bus angewiesen. Der Weg führt fast ausschließlich über Pisten. Er ist recht gut ausgeschildert. Dennoch muss ich gut aufpassen, denn weder meine Karte noch der Führer helfen mir weiter. Ich durchquere diese für Latium so typische Hügellandschaft, auf deren fruchtbaren Böden die Pflanzen üppig wachsen. Die zahlreichen Bäche haben sich teilweise tief in den weichen Tuff eingegraben und kleine Canyons geschaffen. An einigen Stellen ist der Weg durch den Tuff geschlagen, so dass rechts und links die Wände steil aufragen. Diese überdimensionalen Hohlwege gehen vielleicht noch auf die Etrusker zurück und sind angenehm kühl.

An einer Stelle jedoch ist die Markierung sehr mangelhaft und ich verlaufe mich. Nur einen sehr verblichen Pfeil entdecke ich, der aber alles Mögliche bedeuten kann. Doch die Richtung müsste ungefähr stimmen, also nehme ich den angezeigten Feldweg. In der Tat folgt nach einiger Zeit wieder das vertraute Pilgerzeichen. Der Weg windet sich durch ein Wäldchen hinab und dann wieder hinaus an einem verfallen Gehöft vorbei. Mittag ist mittlerweile vorbei und das Wasser wird knapp. Eine Markierung habe ich schon lange nicht mehr gesehen. An einer Gabelung entscheide mich für rechts und komme auf ein kleines Plateau. Vor mir ist nur Gestrüpp, üppige Macchia, die am Rand eines Canyons wuchert. Hier ist also kein Durchkommen. Ich versuche die andere Richtung. Dort komme ich zu einigen Geräteschuppen, aber keine Menschenseele zu sehen, nicht einmal ein Hund. Ich habe mich verlaufen. Es hilft alles nichts, ich muss zurückgehen bis ich wieder eine Markierung finde oder eine Möglichkeit, den Canyon zu überqueren.

Ich hadere mit meinem Schicksal. So kurz vor Rom verlaufe ich mich gründlich. Während ich mich noch ärgere, fällt mein Blick auf einen von Efeu überwachsenen hölzernen Strommast. Hinter den Blättern schimmert verwittert ein rotes „X“. Also ist der Weg, aus dem ich gerade gekommen bin, als falsch markiert. Ich suche nach der Alternative. Und tatsächlich, durch Gebüsch versteckt, keine 10m von meinem Standpunkt entfernt, führt ein Pfad hinab in den Canyon. Ich schultere den Rucksack und folge dem Pfad. Er führt zum Bachbett. Anscheinend geht er weiter, ist aber stark zugewachsen. Auf der anderen Seite kann ich aber ohne Probleme aufsteigen und komme in einen Olivenhain. Es dauert nicht lange und ich treffe auf einen Feldweg. Noch einige Schritte weiter entdecke ich das Pilgerzeichen. Ich habe den Weg wieder gefunden! Wie beim Volk Israel, schießt es mir durch den Kopf, das bei Massa und Meriba murrte, ob der Herr es in die Wüste geführt hat, damit es dort elendiglich umkommt. Aber der Herr hat das Rufen seines Volkes (und mein Rufen) erhört. Wenn jetzt noch ein Mose käme und mir Wasser aus dem Stein schlüge, wäre es perfekt, denke ich noch, während ich weiter gehe und um eine Kurve biege. Dort sehe ich zwar keinen Felsen, aber dafür ein Bauernhaus, aus dessen Hauswand ein Wasserhahn ragt. Ich probiere den Hahn aus, er funktioniert und das Wasser läuft.

Begierig trinke ich. Da geht oben am Haus ein Fenster auf und die Bäuerin schaut heraus. Nachträglich bitte ich um Erlaubnis für etwas Wasser. Kein Problem, sagt die Signora, ich solle das Wasser noch etwas laufen lassen, dann sei es kühler. Sie lädt mich ein, auf ihre Terrasse zu kommen. Da sei es schattig und ich könne ein wenig ausruhen

Ein Impuls

Wendungen und am Ende eine Rast. Achte auf die Wendungen des Tages.

Verweilen in der Gegenwart

Pilgern braucht Rast: Sich eine Pause gönnen. Den Ort wahrnehmen, an dem du bist, als würdest du ihn zum ersten Mal sehen. Dann nimm dich wahr an diesem konkreten Ort, dem Wohnzimmer, der Parkbank, im Bus … Für ein paar Augenblicke einfach da sein wollen.

Vielleicht ist dir auch ein anderer Gedanke in den Sinn gekommen. Dann verweile dort.