13.10.24 Übergänge. Herbstblog

Sonntag, 13. Oktober

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Das Gedicht – von Mascha Kaléko

Der junge Joseph

Die ihr der Träume dunklen Sinn nicht faßt, 
Wie haßt ihr mich, dem sich die Sterne neigen.
Wie ward der Auserwählte euch zur Last,
Da er das Wort berief, für ihn zu zeugen.

Ich bin der Becher bis zum Rand gefüllt,
Unkundig noch der großen Demut Schweigen.
Da sich der Brüder Garben vor mir beugen,
Werd ich zum Strom, der schwatzend überquillt.

Um Silberlohn verschachert ihr das Kind
Und glaubet so den Plan des Herrn vernichtet.
Mir aber ist ein goldner Thron errichtet
In jenen Landen, die euch fremde sind.

Ein Impuls

Joseph erzählt seine Träume und seine besondere Stellung. In drei Strophen gelingt es Mascha Kaléko, die Josephserzählung zu komprimieren. Es ist eine berühmte Geschichte, sei es das Original in der Bibel (Gen 37-50), sei es die Fassung von Thomas Mann oder Andrew Lloyd Webbers Musical, um nur einige zu nennen. Umso querständiger mag eine Zeile erscheinen: Unkundig noch der großen Demut Schweigen. Der junge Joseph muss sie noch lernen, nicht um Konflikten aus dem Weg zu gehen oder besser dazustehen. Er steht ja schon gut da. Schweigen, um dem Staunen Raum zu geben, um Gott Raum zu geben. Das ist die Demut des hörenden Gebetes.

Der Weg in die Gegenwart

Im Atem bleiben

Vielleicht ist dir auch ein anderer Gedanke in den Sinn gekommen. Dann verweile dort.

Quelle

Mascha Kaléko, Der junge Joseph Für Thomas Mann, in: Mein Lied geht weiter.