Dienstag, 1. Oktober
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Das Gedicht – von Gertrud Kolmar
aus: Gebet
Wie ruf ich dich?
Der Name, den die Lippe
Dir täglich, stündlich gibt ist deiner nicht;
Das Sterbliche ist alles eine Sippe,
Dir aber gleicht kein sterbliches Gesicht.
Dein Sein kann keine unsrer Sprachen fassen,
Das Wort, das es erschöpft, bleibt stets uns fremd;
Wir müssen’s, dich zu nennen, ewig lassen,
Weil deine Größe unsre Zunge hemmt.
Ja, du bist Alles: Schönheit, Macht und Güte –
Und deine Augen leuchten immerdar
Im Blau des Himmels, in der Pflanzen Blüte,
Im Rund der Seen, in der Sterne Schar.
Du kennst den Glauben nur, nicht Religionen,
Des Heiden Huld’gung selbst ist dir geweiht;
In dir muss alles, alles Höchste thronen,
weil jedes Herz dir neue Tugend leiht.
Ein Impuls
Gott ist unnennbar. Wir müssen’s ewig lassen, um im nächsten Vers nur so von Worten zu sprudeln. Die Größe Gottes entgrenzt selbst die Religionen. Gottes Größe macht die Schöpfung groß. Das Gedicht von Gertrud Kolmar geht achtsam mit dem Namen Gottes um ohne ihn zu verschweigen. Es wirft ihn nicht fort und es hält ihn nicht fest. Gott freigeben, ohne ihn zu verlieren, das ist ein Grundzug geistlichen Lebens. Wie ruf ich dich?
Der Weg in die Gegenwart
Bei dem Wort oder Vers verweilen, der deine Aufmerksamkeit gefunden hat.
Vielleicht ist dir auch ein anderer Gedanke in den Sinn gekommen. Dann verweile dort.
Quelle
Gertrud Kolmar, Gebet, zitiert nach Paul Konrad Kurz: Höre Gott! Psalmen des Jahrhunderts.


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