30.8.24 Unter deinem Himmel leben. Der Sommerblog

Freitag, 30. August

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Gregory Boyle: Ins Herz tätowiert

Gregory Boyle war über 20 Jahre Pfarrer in Los Angeles. In seiner Pfarrei gab es eine der höchsten Jugendgangdichte in den USA. In den Brüchen und Kämpfen jener jungen Menschen erkennt Boyle die eigenen Wunden. Ohne zu romantisieren oder zu verklären, entdeckt und erlebt er das, was die Theologen Menschwerdung nennen, Christus, wie er in den Menschen lebt, der Boyle so sein Menschsein tiefer verstehen lässt. Der Impuls heute ist ein Ausschnitt aus Boyles Buch. Boyle geht mit zwei ziemlich trainierten und tätowierten Jugendlichen essen in ein Restaurant. Der Text beginnt, als die drei das Restaurant betreten.

Ein Impuls

Alle Gäste hören sofort auf zu essen, das Besteck mitten in der Luft, und eine unangenehme Stille senkt sich über den Raum. Richie flüstert für alle hörbar: „Die gucken alle.“ „Ach wo“, sage ich im Versuch, seine Bedenken zu zerstreuen. Doch er hat recht, sie gucken wirklich alle. … „Lass uns gehen“, flüstert Chepe, „wir gehören nicht hierher.“ „Hier sind nur reiche Leute“, argumentiert Richie. „Yeah“, springt Chepe ihm bei. „Leute, die ‚Pils‘ trinken statt Bier und so’n Scheiß.“ „Hey, entspannt euch. Unsere Dollars sind ebenso grün wie ihre.“
Es ist das erste Mal, dass sie in einem Restaurant sind - an einem Ort, wo man sich hinsetzt und eine Kellnerin kommt und man nicht nur auf Leuchttafeln mit Cheeseburgern deutet. Unsere Kellnerin unterscheidet sich auf erfreuliche Weise von der kühlen, missbilligenden Haltung der meisten anderen in diesem Lokal. Sie legt die Arme um die Jungs, … nennt sie „Sweetie“ und „Honey“. Sie bringt ihnen noch ein bisschen mehr hiervon und davon. Sie ist Jesus in einer Kittelschürze.
Als wir später zum Wagen gehen, reden die Jungs über unsere Kellnerin. „Sie war firme (sehr gut).“ „Yeah, sie war so, als wenn wir wer sind.“ … Manchmal haben wir die Gelegenheit, … mit dem anderen Auge hinzuschauen. Uns gegenseitig zu erinnern, dass wir annehmbar sind.
(Aus: Gregory Boyle: Ins Herz tätowiert, Koha Verlag)

Der Weg in die Gegenwart

Bei einem Wort, das dir besonders ist, das dir wichtig ist, verweilen.

Vielleicht ist dir auch ein anderer Gedanke in den Sinn gekommen. Dann verweile dort.